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BEIRAT ENTSCHEIDET ÜBER LOFFT-PROGRAMM 2016

24.07.2015

100 Bewerbungen - digitales sterben performen

Das LOFFT ist ein Koproduktionshaus. Jedes Jahr schreiben wir Produktionsplätze aus. Der künstlerische Beirat eintscheidet darüber und ist wie folgt besetzt:
1. Esther Niebel, Galeristin THE GRASS IS GREENER, Redakteurin REGJO Magazin
2. Michael Berninger, Unternehmer, Mäzen und Leipziger Kulturbürger
3. Knut Geißler, Veranstalter des Festivals OFF EUROPA und Vorstand LOFFT
4. Tobias Prüwer, Theaterredakteur Kreuzer Leipzig, Kritiker
5. Tina Heuer, Kulturamt Leipzig als beratendes Mitglied
6. Anne-Cathrin Lessel, Dirk Förster und Sebastian Göschel aus dem LOFFT-Team

In diesem Jahr gingen genau 100 Bewerbungen aus Deutschland, der Schweiz und Dänemark ein. Allein 31 Bewerbungen kamen aus Berlin, 35 Bewerbungen aus Sachsen (24 aus Leipzig, 11 aus Dresden) und 11 aus Nordrhein-Westfalen. Daraus hat der künstlerische Beirat des LOFFT sieben Produktionen ausgewählt, die im Jahr 2016 umgesetzt werden. Davon drei Produktionen im Hauptprogramm und vier im Impulsprogramm, das den künstlerischen Nachwuchs fördert. 2016 haben wir drei mal Tanz, zwei mal Performance, ein mal Schauspiel und ein mal Musiktheater ausgewählt. Dies bildet auch ungefähr das Verhältnis der Bewerber ab (43 Performance, 32 Tanz, 17 Schauspiel, 9 Musiktheater). Vier Produktionen kommen aus Leipzig, je eine aus Berlin, Bonn, und Köln. (Alle Informationen finden Sie unten.)
Ging es letztes Jahr noch um Kapitalismuskritik und Gentrifizierung, hatten wir dieses Jahr verstärkt Anträge zur Digitalisierung/ Social Media und zu Sterben/Tod. Ein Jahrgang von Theatermachern an der Schwelle. Man weiß nie, ob sie sich rüber trauen oder nicht, ob die Welt an einer Schwelle steht oder der Mensch! Wir haben mehr als die Hälfte unseres Programms mit Leipziger Künstlern besetzt. Unter dem Label PLATTFORM geben wir zusätzlich junger Kunst Spielraum und Bühne. Dazu werden vorbehaltlich der Finanzierung 2016 folgende Produktionen gehören: Jascha Riesselmann aus Leipzig mit HARLEY QINN (Performance), Diana Wesser und Hermann Heisig aus Leipzig und Berlin mit LINDENAU RE VISITED (Residenz), Complicité aus Leipzig mit WHAT ABOUT NOTHING (Performance).

KOPRODUKTIONEN 2016
bodytalk aus Bonn mit ATOMHEARTMOTHER. PERFORMENSCH (Tanz): Yoshiko Waki – vielen noch bekannt von ihren LOFFT-Erfolgsstücken aus den letzten Jahren – kehrt zurück nach Leipzig. ATOMHEARTMOTHER schlägt Brücken zwischen Deutschland und Japan, zwischen Kunst und Kochen, zwischen Katastrophe und Konsum. Tänzerinnen der japanischen Futome-Performance essen aus Protest soviel verseuchte Nahrung wie möglich, um damit auch körperlich auszudrücken, dass sie eben nicht alles in sich hinein fressen, was vom japanischen Staat und der Wirtschaft verlangt wird. Sie sagen: „Wir sind ein Fleisch-Tsunami.“ Eine wütende Performance auf der Suche nach Halt mitten im Horror.

Rose Beermann aus Berlin mit MY BODY IS THE FIELD FOR THE BATTLES OF TOMORROW (Tanz): Wofür werden Körper jenseits ihres Aussehens trainiert? Was ist die soziopolitische Dimension? Fitness-Programme bringen eine Armee disziplinierter, starker Körper hervor und re-militarisieren Gesellschaft. Dies geht einher mit einer popkulturellen Verhandlung wehrhafter Frauenkörper, zum Beispiel in filmischen Inszenierungen weiblicher Actionheldinnen. Aber was passiert, wenn sich Performer als Körper- und Bewegungs-Experten mit Fitness-Programmen beschäftigen? Auf der Bühne wird nicht getanzt, sondern trainiert, dabei steigert sich die Absurdität der Vorgänge immer mehr, bis das setting eher einer Schlacht als Fitness-Übungen gleichen. Der Krieg um den optimalen Körper ist entbrannt.

friendly fire aus Leipzig mit ZOOROPA (Performance): Als Tiere aus der Zukunft erforschen die Performer von friendly fire die Gehege, Grenzen und Zäune der Festung Europa. Während der Zoo des 19. Jahrhunderts die Wildnis zivilisieren sollte, der Zoo des 20. Jahrhunderts ein Schaufenster in die Natur inszenierte, verspricht der heutige Zoo authentische Erlebnisse, das Eintauchen in andere Welten: live, authentisch und ganz nah dran. Der Zoo ist eine gesellschaftliche Metapher der totalen Ausstellung und Inszenierung geworden. Während Europa wieder zum Kampfbegriff einer neuen europäischen Rechten wird und Frontex-Zäune in abstrakter Ferne den "Frieden" europäischer Städte sichern, verfremden friendly fire den "Zoo der Zukunft" deshalb zur Zukunft als Zoo: ZOOROPA JETZT!

IMPULSPRODUKTIONEN
westfernsehen aus Leipzig mit DEATH WILL BE TELEVISED (Performance): Der Theaterraum wird zum Fernsehstudio, in dem das Sterben als Showmaster und Jungunternehmer auftritt. Ein Hybrid aus Revue, Totenmesse und Teleshopping. Es geht um die Zukunft der Toten, ihr Sterben, dessen Inszenierbarkeit und Kapitalisierung. Ein Internetlivestream erweitert den realen Bühnenraum und ist der Kanal ins moderne Jenseits. Im Sinne einer Call-in-Show kann das Internetpublikum mitbestimmen. Der Tod, das Sterben ist gewiss, warum sollte man nicht unternehmerische Töne anschlagen? Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, wenn wir unser Sterben inszenieren und damit unser vorheriges Leben neu erschaffen!

Christian Grammel aus Köln mit GRAVITAPHON (Musiktheater): Das GRAVITAPHON ist ein neues Musikinstrument. Groß wie ein Schrank und nur mit hohem Kraftaufwand zu spielen, bietet es eine spektakuläre Bandbreite an Klängen. Neigungswinkel, Kippbewegung und Rotationsgrad sind Parameter, die bestimmen, welcher Klang zu hören ist. GRAVITAPHON ist die Entwicklung einer Partitur, die auf der Oberfläche des Instruments ausgetragen wird. Die feinen Klänge des Gravitaphon stehen in einem absurden Gegensatz zur schweißtreibenden Anstrengung des Spielens. Das Bild des hart arbeitenden Körpers, der sich an einem schweren Gegenstand abmüht, ruft Archetypen wach. Zuerst an den schuldbeladenen Sisyphos. Aber auch der war ja engeblich ein glücklicher Mensch.

Julian Rauter aus Leipzig mit KLEINE SCHULE DER BEWEISFÜHRUNG (Schauspiel): Ein Kriminalbeamter und sein Kleinkrimineller stehen am Tatort vor einer Leiche. Sie inspizieren die Leiche und philosophieren dabei ausschweifend über Freiheit und Schuld. Gemeinsam gehen sie der Frage nach, wie das Übel in die Welt kam und warum es von höchster Instanz zugelassen wird. Inspiriert von den TV-Serien wie The Wire oder True Detectives erschafft die Inszenierung mittels des Textes von G.W. Leibniz ein absurdes Szenario. Aus der Kontrastierung der Leibnizschen Sprache mit der zeitgenössischen Tatort-Szenerie ergibt sich eins seltsamer Humor. In unnachahmlicher Manier schafft Rauter atmosphärisch dichte und entrückte Stücke, die oft aus einer anderen Welt kommen oder zumindest dahin führen.

Alma Toaspern aus Leipzig mit THE STRANGER QUESTION (Tanz): Vier Künstler aus unterschiedlichen Ländern (Deutschland, Polen, Türkei/Portugal und Kolumbien) die sich willentlich und regelmäßig in die Rolle des Gastes, des Gastgebers, des Immigranten und Fremden begeben und sich täglich mit den Geschichten, Ängsten und Spannungen auseinandersetzen, die damit einhergehen. Und die immer auch irgendwie fremd sind. Im Tanz interessiert allerdings nicht das Gemeinsame, sondern der Unterschied: Es geht darum, sich selbst ein wenig „anzufremden“. Es geht um Unterbrechungen und Störungen, die in den choreografischen Prozess einfließen. Es geht um all jene Menschen, die ohne oder nur mit geringer Verwurzelung leben. Ein intensives Tanzstück mit überraschenden Wendungen.

(Sebastian Göschel)

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