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BEIRAT ENTSCHEIDET ÜBER LOFFT-PROGRAMM 2015

24.07.2014

Gentrifizierte Astronauten tanzen um sich selbst

Das LOFFT ist ein Koproduktionshaus. Jährlich schreiben wir Produktionsplätze deutschlandweit aus. Künstler und Künstlergruppen bewerben sich daraufhin um einen Koproduktionsplatz. Kein Intendant, sondern ein künstlerischer Beirat wählt dann die Produktionen für das nächste Jahr aus. Das LOFFT unterstützt die Produktionen mit einem finanziellen Koproduktionsbeitrag und die LOFFT-Mitarbeiter begleiten mit inhaltlicher, technischer und organisatorischer Arbeit die Produktion über mehrere Monate bis hin zur Aufführung. Wir übernehmen die Öffentlichkeitsarbeit, die technische Einrichtung, bieten Probenzeiten und vermitteln in ein regionales Netzwerk aus Künstlern und Dienstleistern. Damit bereichern wir die Leipziger Theaterszene mit Austausch, Künstlern und künstlerischem Input von außerhalb und stärken somit die gesamte Kreativwirtschaft Leipzigs. Der künstlerische Beirat ist wie folgt besetzt:

  • Sophia Littkopf, Geschäftsführerin HALLE 14 e.V., ehemals Hörspielsommer und Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste
  • Marlen Schumann, Choreografin, Produktionsmanagerin und Vorstand LOFFT
  • Michael Berninger, Unternehmer, Mäzen und Leipziger Kulturbürger
  • Knut Geißler, Veranstalter des Festivals OFF EUROPA und Vorstand LOFFT
  • Steffen Georgi, Kritiker
  • Tina Heuer, Kulturamt Leipzig als beratendes Mitglied 
  • Anne-Cathrin Lessel, Dirk Förster und Sebastian Göschel aus dem LOFFT-Team

In diesem Jahr gingen 104 Bewerbungen aus ganz Deutschland ein. Daraus hat der künstlerische Beirat des LOFFT sechs Produktionen ausgesucht, die im Jahr 2015 umgesetzt werden. Davon drei Produktionen im Hauptprogramm und drei im Impulsprogramm, das den künstlerischen Nachwuchs fördert. 2015 haben wir drei mal Tanz, zwei mal Performance und ein mal Schauspiel. Drei Produktionen kommen aus Leipzig, je eine aus Berlin, Gießen und Bern/ CH. (Alle Informationen finden Sie unten.) Damit ist das Kernprogramm des LOFFT für das Jahr 2015 festgelegt. Weitere Highlights sind die TANZOFFENSIVE 2015, das Festival TANZ AUS LUXEMBURG, ein Drei-Städte-Tanzprojekt mit Prag und Dresden sowie die  letzte Episode und das große Finales unseres Doppelpasses WUNDER OPUS 5 mit OPER DYNAMO WEST. Das weitere Programm entsteht in Zusammenarbeit mit den Festivals OFF EUROPA und euro-scene Leipzig sowie neuen Kollaborationen mit der Jüdischen Woche oder der Palucca-Hochschule Dresden.


Die Themen waren dieses Mal so vielfältig, so segmentiert, dass kaum thematische Tendenzen zu erkennen sind. Einzig auffällig waren zahlreiche Projekte zum Thema Raumfahrt (Was ist da los?) und zum Thema Kapitalismuskritik und Gentrifizierung. Offenbar die einzig ernstzunehmende Protestbewegung. Weiterhin einmalig: Ein Viertel der Anträge kamen aus Leipzig bzw. Sachsen. Wir freuen uns über diesen Aufwuchs, genauso auch darüber zur zentralen Anlaufstelle auch für sächsische Künstler geworden zu sein. Wir haben 50% unseres Programms mit sächsischen Künstlern besetzt. Unter dem Label PLATTFORM geben wir zusätzlich Leipziger Künstlern Spielraum und Bühne, auch wenn wir sie nicht koproduzieren können.

KOPRODUKTIONEN (Großprojekte, die mit weiteren Partnern realisiert werden)

Joshua Monten aus Bern mit DOGGY STYLE: Bei der mixed-abled-Tanzoffensive 2013 begeisterte der Choreograf Joshua Monten, indem er einen völlig neuen Tanzstil aus Gebärdensprache entwickelte. Das Stück wurde von hörendem und nicht-hörendem Publikum begeistert angenommen. Diese Tanzsprache entwickelt er nun weiter anhand von Hunden. Kein Witz! Die Tänzer beschäftigen sich mit der Körpersprache des Hundes als auch des Hundeführers. Monten geht dabei zurück auf die uralte Idee des Tanzens als Nachahmen von Tieren. In der Beschäftigung mit dem Allianztier des Menschen schlechthin, kommt er dabei ganz sicher zu überraschenden Ergebnissen, die viel über die Kommunikation in unserer Welt ahnen lassen. Zur Beruhigung: Auf der Bühne werden keine großen Hunde sein.

Mobile Albania aus Gießen mit PAPLAMENT: Ist das noch Theater? Das Künstlernetzwerk um Mobile Albania gestaltet eine basisdemokratische Veranstaltung zwischen offenem Forum und Live-Radioshow, die ihr Publikum gleichzeitig in Leipzig und Budapest hat. Was ist da eigentlich seit ein paar Jahren los in Ungarn? Seit Meister Orbán am Werk ist? Massen verlassen das Land, eine erste Flutwelle erreicht Leipzig. Dort zermahlen sie ihre nationalen sesshaften Vorfahren, ihr mitgebrachtes ungarisch-hunnisch-deutsches Gedankengut zu Paprikapulver, das als Währung für ein neues Modell der Nomadenwirtschaft dient. Es geht um Asyl, um Nationalismus und um ein schwankendes Europa – bitterböse und melancholisch, unterhaltsam und satirisch, offen wider die Abgeschlossenheit der Nation.

Lane Projects aus Berlin mit WONDERWOMEN: Man stelle sich vor: Drei knapp bekleidete Frauen betreten die Bühne. Sie sind Bodybuilderinnen. Nicht irgendwelche – internationale Champions. Sie schauen dich an: tief, durchdringend. Das gleißende Licht definiert die Konturen ihrer Körper messerscharf. Du bist alleine mit ihnen...
Sie ziehen dich an, sie stoßen dich ab. Sie sind Monster, sie sind Schönheiten! Sie sind entschlossen, bereit. Sie verkörpern Disziplin, eisern. Und sie stellen so vieles in Frage. Die Frauen transferieren Dominanzen von Herrschaft, Geschlecht, Klasse, Alter und Sex.
Blick zurück auf die Bühne, die drei Frauen beginnen sich zu bewegen. Sie tanzen – unglaublich! WONDERWOMEN erlaubt einen einmaligen und auch voyeuristischen Blick in die Lebenswelt einer Minderheit und erlaubt damit eine neue Sicht auf den Mainstream.

IMPULSPRODUKTIONEN (junge Künstler und Projekte mit Unterstützung eines Mentors)

Alma Toaspern aus Leipzig/Brüssel mit Do.It.Yourself (DIY): Ein Tanzstück wie ein Liederzyklus. Wie entsteht eigentlich Tanz und Bewegung auf der Bühne? Sitzen die Choreografen zuhause und schreiben sich Bewegungen auf? Passiert alles im Kopf der Tänzer? Was ist eigentlich eine Probe bei einem Tanzstück?  Und woher kommt die Inspiration, das innere Strahlen, das Funkeln, die Poesie von Kunst?
Die Performerin Alma Toaspern hat ihre Wurzeln in Leipzig und im Leipziger Tanztheater und kehrt nun nach einer hochkarätigen internationalen Ausbildung zurück in ihre Heimat. Sie lässt uns auf der Bühne daran teilhaben, wie ihr Stück entsteht – ein Experiment. Sie zeigen uns, woraus sie schöpfen und woraus vielleicht auch SIE schöpfen.

Friendly fire aus Leipzig mit SECRET SECRETS OF THE BEEHIVE: Ihre erste LOFFT-Koproduktion war gerade noch für den Leipziger Bewegungskunstpreis nominiert, da folgt schon die nächste. Was das Leipziger Publikum seitdem weiß: Hier geht es immer um alles, um das Verhandeln von Geschichte auf der Theaterbühne. Und das ist neben spannend, abgründig und anstrengend vor allem auch unterhaltsam. Folgerichtig verwandeln friendly fire die LOFFT-Bühne in einen Bienenstock, der zugleich Wunderkammer und Luftschutzbunker sein muss. In einer Roadshow durch Raum und Zeit verfolgen sie sowohl den Weg der Urenkelin Ernst Jüngers von São Paulo nach Deutschland als auch den der Killerbienen von der Peripherie ins Herz des Abendlandes. Schwarm und Ausschwärmen ist dabei mehr als Metapher – es ist Technik der Performer und Mittel zur Erkenntnis.

Romy Kuhn aus Leipzig mit SWEET DEATH BY...: Die Abschiedsparty vorm Suizid auf der LOFFT-Bühne. Eine Pille erfüllt dir alle deine Wünsche. Allerdings zu der Bedingung, dass du sieben Tage später stirbst. Was passiert mit einer Gesellschaft, die dieses Prinzip zu dem ihrigen gemacht hat? Was, wenn das kulturelle Modell der langen Dauer zugunsten eines effektiveren Models von „live fast, die young“ aufgegeben wird? Die junge Regisseurin Romy Kuhn zeigt uns, wie viel Anarchie in dieser Idee steckt und beleuchtet dabei subtil die zweithäufigste Todesursache der 15-20jährigen.


Sebastian Göschel

 

Fotos: Christian Glaus, Susann Jehnichen, Joachim Berger

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